Andacht Herbst & Winter 2019/2020

Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

An - gedacht

„Ich bin ein Geretteter“

Die Kirchengemeinde Rüdinghausen hatte Anfang des Jahres Semhar Esseyas aus Eritrea Kirchenasyl gewährt. Im Kreis der Unterstützerinnen und Unterstützer war auch Efrem aktiv, der aus Eritrea stammt und als Kind vor dem Krieg nach Deutschland floh. Seit einigen Jahren lebt er in Witten und engagiert sich hier für andere Flüchtlinge. Efrem ist ein Beispiel für gelungene Integration. Carsten Griese sprach mit ihm.

Wo fühlst du dich Zuhause?
In Deutschland und in Europa auf jeden Fall. Das Denken und das Träumen und die Wünsche, das ist alles deutsch. Der Mensch wächst mit seiner Umwelt, mit seinen Mitmenschen.

Das war auch mal anders?
Ich war vor vielen Jahren jung und musste erst mal das Land, die Menschen und auch die Mentalität kennenlernen. Die ganze Kultur zu entdecken, da reinzukommen und zu verstehen - das ist nicht einfach.

Wie hast du es geschafft, die neue Kultur hier kennenzulernen?
Meine Erfahrung war, dass ich auf jeden Fall sehr viel Glück hatte. Gott hat mir Menschen an die Seite gestellt. Als ich ankam, wurde ich in einem diakonischen Heim untergebracht und da wurde gleich von Anfang an Gott in mein Leben hineingebracht, auch in der alltäglichen Erziehung, durchs Beten und durchs „Miteinander sein“. Ich wurde immer wieder daran erinnert, dass ich nicht allein bin und ich meine Flucht nicht als Trauma, als etwas Furchtbares sehen muss, sondern auch als Errettung. Ich bin ein Geretteter. Und durch das Heim kam ich dann zu Pflegeeltern. Und so wurde es immer intensiver, durch die Familie bekam ich auch mehr Stabilität in mein Leben

Was ist wichtig, um in Deutschland einen Platz zu finden, wenn man aus einem anderen Land kommt?
Die barmherzigen Menschen, die durch ihren Glauben Halt in ihrem Leben haben und die einem zeigen, worauf es ankommt in diesem Land. Das Erste ist, die Sprache zu lernen, dass man dann auch hier eine Zukunft hat. Ohne Sprachkenntnisse hat man weniger Chancen, sein Leben zu verwirklichen. Gab es auch böse Erfahrungen? Als ich 18 Jahre alt geworden bin, habe ich auch Begegnungen gehabt und Deutschland von einer anderen Seite kennengelernt. Ich wurde abends auf der Straße von zwei sogenannten Skinheads festgehalten. Sie haben mir auch eine Waffe an die Schläfe gehalten. Sie sagten mir, ich solle doch hier weggehen und ich hätte hier nichts zu suchen. Sie haben mich geschlagen. Nach diesem Erlebnis war ich schockiert und hatte Ängste. Mich hat diese Erfahrung zwei Jahre lang verfolgt. Ich wurde dadurch ein anderer Mensch, ein ängstlicher Mensch und dann bin ich vorsichtiger geworden. Ich musste lernen, dass es andere Menschen gibt, die andere Auffassungen vom Leben haben.

Wie hat dir dein Glaube geholfen bei der Integration?
Den Glauben hatte ich von Kindesbeinen an, schon von Zuhause aus. Und dann kam ich nach Deutschland und bekam ja auch Menschen an meine Seite, die ihren Glauben lebten. Ich hatte als junger Mensch auch Phasen, in denen ich mich vom Glauben und auch der Kirche entfernt habe. Aber im Inneren war es immer mein festes Grundfundament, dass ich ein Christ bin und dass ich auch immer wieder beschützt worden bin. Ich habe das immer wieder zu spüren bekommen, wenn die Situation irgendwann bedrohlich war. Heute ist meine Überzeugung, dass das, was ich habe, was ich geben kann, was ich vererbe, Jesus Christus ist. Der Rest ist vergänglich.
Was sollen Flüchtlinge heute bei der Integration beherzigen?

Sprache und Menschlichkeit sind wichtig. Mit den Menschen, sich zu mischen und sich zu treffen. Die Angebote anzunehmen und die schulischen Wege auch zu gehen, so gut es eben geht. Man sollte versuchen, eine Ausbildung zu machen, zur Arbeit zu gehen und die Kultur zu respektieren. Wir sind Gäste bis zu einem bestimmten Zeitpunkt und wenn die Chance besteht, dann soll man sich auch einmischen und sich hier zuhause fühlen.

Was ist typisch eritreisch?
Die Nahrung, der Tanz, die Hochzeiten, die anders gefeiert werden oder auch die christlichen Festtage. Die Eritreer sind freundliche Menschen, aber eher zurückhaltend.

Und was ist typisch deutsch?
Die Herzlichkeit, die ich erfahren habe. Das man angenommen wird und dass man ernst genommen wird.

Ihr Pfr. Carsten Griese