Andacht Sommer 2019

Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

Sommerzeit. Ferienzeit. Zeit zum Lesen.

Ich muss gestehen, dass ich auch heute noch gerne Kinder- und Jugendbücher lese. Ein Buch von Astrid Lindgren habe ich als Jugendlicher verschlungen und ich krame es auch heute noch gerne hervor um es hin und wieder erneut zu lesen. In meinem Bücherregal hat es einen Ehrenplatz. Kennen Sie "Rasmus und der Landstreicher"?

Der neunjährige Rasmus hat glatte Haare, ist ein Waisenjunge und lebt in einem schwedischen Waisenhaus. Er ist die Hauptfigur in dem Kinderbuch "Rasmus und der Landstreicher". Rasmus wünscht sich nichts sehnlicher als Eltern. Aber die Paare, die das Waisenhaus besuchen, um ein Kind zu adoptieren, entscheiden sich immer für kleine Mädchen mit Locken. Rasmus ist aber älter und hat glatte Haare. Eines Tages haut Rasmus aus Verzweiflung nachts ab, um auf eigene Faust Eltern zu suchen. Er übernachtet in einer Scheune und mit ihm liegt am anderen Morgen ein Landstreicher im Heu, der sich ihm mit den folgenden Worten vorstellt:

"Hast du jemals von Paradies Oskar gehört? Der bin ich. Landstreicher des Paradieses und Gottes Zaunkönig...Wenn Gott sich so viel Arbeit gemacht hat und die ganze Erde zusammengebastelt hat, dann will er auch, dass es alles geben soll...Und wie würde das aussehen, wenn es alles gäbe, bloß keine Landstreicher?"

Rasmus fasst Vertrauen zu dem Fremden und erzählt Oskar, warum er alleine unterwegs und aus dem Kinderheim abgehauen ist:

"Ich habe keine Eltern, aber ich will mir gerade welche suchen...Jemanden, der mich haben will. Glaubst du nicht auch, dass es welche gibt, die einen Jungen mit glatten Haar haben wollen?"

Oskar nimmt Rasmus mit, sie erleben Abenteuer, klären ein Verbrechen auf und unterwegs erzählt Oskar seinem Schützling:

"Manchmal möchte ich ich ganz ... dumm arbeiten. Und manchmal möcht ich gar nicht arbeiten. Aber die Leute haben sich in den Kopf gesetzt, dass man stetig und ständig arbeiten soll..."

Der liebenswerte Lebenskünstler Oskar hält beide mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Am Ende der Geschichte finden sie Eltern für den Jungen mit den glatten Haaren: Ein wohlhabendes Bauernpaar, das Rasmus mag und auf dem großen Bauernhof aufnehmen möchte. Hier übernachtet Rasmus das erste Mal in einem eigenen Zimmer. Doch als er am anderen Morgen wach wird, hat er Angst dass Oskar bereits weg ist. Mit Tränen in den Augen sucht er ihn und als er ihn findet, bittet Rasmus ihn:

"Ich will lieber bei dir sein. Kannst du nicht mein Vater sein?" 

Ich mag dieses lesenswerte Kinderbuch von Astrid Lindren, in dem es um Toleranz und die Suche nach Heimat geht. Es erzählt von zwei Menschen, die kein festes Zuhause haben und anders leben. Sie gewinnen sich lieb und entdecken unterwegs: Wir gehören zusammen und wollen füreinander da sein. Und einen Rat für die Sommerferien von "Paradies Oskar" kann man auf alle Fälle weitergeben: Auf Zeiten der Arbeit dürfen Zeiten der Ruhe und des Faulenzen folgen. "Alles hat seine Zeit", sagt die Bibel. Jetzt ist Ferienzeit. Ich wünsche ihnen faule und erholsame Sommerferien.

Ihr Pfr. Carsten Griese