Andacht Frühling 2019

Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

Ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25,35)

"Mitnehmen, kannst du nur, was du im Kopf hast" diese Erfahrung formulierten Deutsche, die ab dem Winter 1944/45 aus Ostpreußen und nach dem Ende des 2. Weltkrieges fliehen mussten. Sie kamen ins Ruhrgebiet und nach Witten. Sie bauten hier Häuser, gründeten Familien und schlugen Wurzeln. Heute wissen wir: Gut, dass sie geblieben sind. Auch heute kommen Menschen zu uns, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Sie konnten ebenfalls oft nur mitnehmen, was sie im Kopf haben.

In ihrer Heimat haben sie alles verloren. Bürgerkrieg, Hunger, politische Willkür, sexuelle Gewalt, fehlende Jobs – es gibt viele Gründe zu fliehen. Wir kennen die Bilder aus dem Fernsehen und der Distanz. Vor einigen Wochen kam eine Anfrage an unsere Kirchengemeinde, ob die Gemeinde einer jungen Frau aus Eritrea, die vor der Überstellung nach Italien steht, helfen könne. Sie ist in Italien erstmals registriert worden. Aufgrund der derzeitigen Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Italien und ihren sehr schlechten Erfahrungen in diesem EU-Land, hat sie sich der Rückführung dorthin entzogen. Das Presbyterium hat nach intensiver und konstruktiver Diskussion entschieden, Semhar Eseyas aus humanitären Gründen für einen begrenzten Zeitraum Kirchenasyl zu gewähren, um von den deutschen Behörden prüfen zu lassen, ob sie auch hier ein Bleiberecht bekommen kann. Semhar Eseyas hat eine lange Fluchtgeschichte hinter sich und auf ihrer Flucht schreckliche Erfahrungen machen müssen. Zurück nach Eritrea kann sie nicht mehr, da sie sich dort dem Militärdienst entzogen hat. Der Jahresbericht von amnesty international beschreibt, dass der Militärdienst dort bis 20 Jahre lang dauern kann, dass auch Minderjährige eingezogen werden und das von Übergriffen und Gewalt gegenüber Frauen im Militär berichtet wird. Seit dem 8.2. lebt Semhar Eseyas im Schutz der Kirchengemeinde und es läuft der Antrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihr aus dringenden humanitären Gründen in Deutschland Asyl zu gewähren. Pfarrer Carsten Griese sprach mit Superintendentin Julia Holtz über das Kirchenasyl. 

Warum gewähren Kirchengemeinden Kirchenasyl?
Kirchenasyl ist eine sehr gute Möglichkeit in der Grauzone des Gesetzes nochmal eine Denkpause einzulegen, wenn Menschen von Abschiebung bedroht sind, bei denen man den Eindruck hat, dass das nicht gerechtfertigt ist, dass ein Härtefall ist, bei dem man nochmal genauer hinschauen muss.

Was sagt die Bibel zum Kirchenasyl?
Es ist ja eine ganz alte Tradition, dass der Mensch im Heiligtum, im Tempel geschützt ist. Ich glaube, früher waren es die Hörner des Altars, die Schutz gewährten. Wenn man die anfasste, war man vor dem Zugriff der Soldaten, der Verfolger oder anderer Mächte geschützt.

Und die Bibel erzählt viele Fluchtgeschichten, oder?
Die Bibel erzählt immer wieder Geschichten von Menschen, die fliehen müssen, die ein besseres Leben suchen oder die vor Gefahr auf der Flucht sind. Denken wir nur Jakob oder Mose. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Christen, Menschen zu schützen, die durch starre Gesetze an Leib und Leben bedroht werden.

Wie sind die Erfahrungen von Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren?
Meistens sind diese Erfahrungen erstaunlich gut. Oft tauchen plötzlich Menschen auf, die bereit sind, ehrenamtlich zu helfen, mit denen man nicht gerechnet hatte, die vielleicht keine Lust auf so innerkirchliche Aktivitäten haben, aber die sich da engagieren. Ich habe auch mehrfach gehört, dass die Bereitschaft zu materiellen Spenden gut ist, manchmal bekommen die Gemeinden am Ende mehr Geld gespendet, als sie zur Unterhaltung der Flüchtlinge wirklich brauchen.

Was sind die öffentlichen Reaktionen auf Kirchenasyl?
Die sind so gespalten wie die öffentliche Meinung über Geflüchtete. Es gibt die einen, die das sehr gut finden und bei denen wir als Kirche dadurch Pluspunkte sammeln. Dass wir uns positionieren, dass wir uns sozial engagieren, das rechnen uns diese Menschen hoch an. Und es gibt natürlich auch andere...

Nenne kurz drei gute Gründe für Kirchenasyl
Die Würde des Lebens ist unantastbar, das wäre für mich das Allerwichtigste. Jeder Mensch hat ein Recht darauf an Leib und Leben geschützt zu werden. Und unsere Gesetze sind sicher nicht schlecht, aber oft zu pauschal und gerade die Dublin-Regelung ist einfach nicht fair und hat den einzelnen Menschen zu wenig im Blick. Und der dritte Grund ist die grundsätzliche Solidarität zu der wir als Christinnen und Christen aufgerufen sind.

Ihr Pfr. Carsten Griese