Andacht Sommer 2017

Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

An - gedacht

Alle sind willkommen
"Wie war denn die Feier?“, wurde meine Großmutter gefragt. „Dat Neidigen hät feilt“, antwortete sie auf platt. „Neidigen“ bedeutet in Ostwestfalen, dass man als guter Gastgeber seinen Gästen immer wieder etwas anbietet. Dabei spielt es absolut keine Rolle, ob der Gast signalisiert: Danke, ich habe eigentlich genug und bin satt. Zu einer ostwestfälischen Feier gehört – jedenfalls für meine Großmutter – „dat Neidigen“. Genötigt werden, sich richtig satt zu essen, ist ein Kennzeichnen der Gastfreundschaft.


Auch Jesus erzählt eine Geschichte, in der die Gäste genötigt werden zu kommen. Im Gleichnis vom großen Abendmahl (Lukas 14, 16-24) heißt es:  „Jesus aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu. Und sandte seinen Knecht aus [...], zu sagen den Geladenen: Kommt, denn es ist alles bereit! [...] Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; Ich bitte dich, entschuldige mich. Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; Ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe ein Weib genommen, darum kann ich nicht kommen.
Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: Gehe aus schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; Es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf dass mein Haus voll werde. Ich sage euch aber, dass der Männer keiner, die Geladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.“
Das Gleichnis vom großen Abendmahl handelt von einer Feier. Jesus erzählt sie am Sabbat als Gast eines Pharisäers. Im Gleichnis spielt Gott die Rolle des Gastgebers. Doch die vorbereitete Feier droht zu platzen. Die Gäste sagen alle ab. Die Entschuldigungen sind fadenscheinig. Keiner sagt offen: „Ich habe keine Lust“. Den Gästen ist das Geschäftliche und Private wichtiger als das Miteinander.

Die Absagen der Gäste liegen im Trend und würden in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, denn der persönliche Vorteil und Besitztümer stehen auch heute noch hoch im Kurs - sind wichtiger als Geschenke, die das Leben bereit hält. Der Theologe Gerd Theißen schreibt: „Eine Gesellschaft, die individuelle, selbst erworbene, und selbst verursachte Freude für den höchsten Wert hält, wird blind für gemeinsame und geschenkte Freude. Die größte Freude, die Menschen verbinden kann, ist die Freude in Gott. Sie wird grundsätzlich nur geschenkt. Sie wird grundsätzlich nur mit anderen geteilt“.
Jeder gewinnt durch diese Freude. Auch in unserer Gemeinde kann man das erfahren. Was beispielsweise ehrenamtliche Helfer beim jährlichen Gemeindefest oder anderen Veranstaltungen leisten, finde ich großartig. Sie ermöglichen gemeinsame Freude und Erlebnisse, die die Gemeinschaft stärken. Die Eingeladenen im biblischen Text verstehen nichts von gemeinsamer Freude und sagen eigennützig ab. Der Gastgeber ist wütend, überlegt sich aber eine Alternative. Seine Einladung gilt jetzt neuen Gästen - die anderen haben ihre Chance verspielt. Gottes Gastfreundschaft kennt Grenzen: Jetzt sind die Wohlhabenden und Reichen nicht mehr eingeladen.
Im Ruhrgebiet lassen sich immer wieder Beispiele finden, dass Menschen nicht genug zum Leben haben. Hier leben über 15 Prozent der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze: Ein Spitzenwert in NRW. Besonders Kinder trifft Armut hart. Sie haben meist schlechtere Chancen und erfahren keine ausreichende Förderung. Der Zugang zum Gymnasium oder Studium bleibt ihnen oft verwehrt, weil ihre Eltern sie finanziell nicht unterstützen können. 
Jesus ist beim Thema Armut parteiisch. Jedenfalls verstehe ich so die Geschichte vom großen Abendmahl.
Das Reich Gottes steht den Armen offen. „Kommt, denn ist alles bereit“. Das ist ein Signal, das auch unsere Gemeinde senden kann. Alle sollen kommen und sind willkommen. Kleine und Große, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde. Die Einladung zur Feier wirft weitere Fragen auf: Wie wird Gottes Gastfreundschaft für Menschen, die arm sind, in unser Gemeinde erfahrbar? Wie kann sich die evangelische Kirche für Chancengleichheit stark machen? Wie können wir gemeinsame Freude ermöglichen? Unsere Gemeindehäuser werden sich füllen, wenn wir mit Ideen und Tatkraft Antworten auf diese Fragen suchen. Den Platz in unseren Häusern haben wir. Als der Gastgeber merkt, dass noch Raum im Haus ist, sagt er seinem Knecht: „Geh auf die Landstraßen vor der Stadt und nötige sie zu kommen, damit mein Haus voll wird.“ Im Gleichnis vom großen Abendmahl fehlt „dat Neidigen“ nicht. Meine Großmutter hätte sich bei diesem Gastgeber wohl gefühlt: „Dat Neidigen was chaut“.

Ihr Carsten Griese