Andacht Sommer 2021

Liebe Gemeinde in Rüdinghausen und Schnee

Soll ich Sie Herr Pfarrer nennen?

„Soll ich Sie Herr Pfarrer nennen?“, das war eine Frage, die ich am Beginn meiner Arbeit vor 4 Jahren in Rüdinghausen hörte. Ich war sprachlos. Na klar, ich bin Pfarrer und ich arbeite gerne in unserer Kirchengemeinde. Jetzt – nach diesen vier Jahren - auch mit einer festen Gemeindepfarrstelle. Aber eigentlich nennt man mich Herr Griese oder Carsten. Aber nicht Herr Pfarrer.

Die Frage habe ich also damals mit „Nein“ beantwortet und würde sie auch heute – trotz fester Stelle – wieder genauso beantworten. „Nein, Sie brauchen mich nicht Herr Pfarrer zu nennen“. Ich lehne das ab, weil mir Bibelverse aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther wichtig sind. Dort heißt es: „Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.“ (1. Kor. 12, 46) Es ist eben der eine Gott, der alles in allen  bewirkt. Gott ist der Chef und setzt uns alle in Bewegung. Gott ist kein autoritärer Boss, der Anweisungen raushaut und bedingungslosen Gehorsam erwartet. Er ist einer, der Menschen befähigt und beschenkt. Einer, der weiß was sie können und ihnen viel zutraut. Das ist Gottes  Unternehmenskultur. Jede und jeder kann etwas wichtiges in unserer Kirchengemeinde bewegen. Alle können sich einbringen, weil Gott jede und jeden von uns inspiriert. Das ist schön und wunderbar, aber manchmal auch anstrengend und chaotisch. In Korinth war es auch  chaotisch. Und so beschreibt es Paulus in den ersten 10 Kapiteln seines Briefes: Es gab Streit zwischen verschiedene Gruppen; es herrschte Beziehungschaos in Familien; es fehlte die Rücksichtnahme aufeinander. Chaos und Streit in Korinth. Also eine ganz normale Gemeindewie auch hier bei uns oder anderswo. Da könnte jede und jeder von uns wahrscheinlich eine Geschichte zu erzählen: Von Streit, von abgebrochenen Gesprächen oder von Enttäuschungen. Und genau darum wird Paulus ganz grundsätzlich: „Das Wirken des Geistes zeigt sich bei einem jeden auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle“ (1.Kor 12, 11). Der Satz gefällt mir. Das heißt für mich:

In einer Kirchengemeinde gibt es keinen Grund, Gespräche abbrechen zu lassen, sondern allen Grund sich aufmerksam zuzuhören. In einem jeden  von uns wirkt Gottes Geist.

In einer Kirchengemeinde gibt es keinen Grund, Ideen abzuschmettern, weil man das noch nie so gemacht hat. In einem jeden von uns wirkt Gottes Geist.

In einer Kirchengemeinde gibt es keinen Grund andere abzuwerten. In einem jeden von uns wirkt  Gottes Geist. Für mich kann eine Gemeinde so etwas wie eine Ideenwerkstatt sein, bei der jede und jeder sich einbringt. Denn es geht darum, diesen Geist wahrzunehmen und ernst zu nehmen bei anderen, aber auch bei mir selbst.

Ich freue mich auf Ihre guten Ideen für  unsere Gemeinde.